Immobilien, Inserate und dubiose Geschäfte

Seit geraumer Zeit bin ich auf der Suche nach einer Eigentumswohnung - manchmal mit mehr oder weniger Engagement; je nach Lust, Laune und "Decke auf den Kopf fallen"-Gefühl.

Früher wälzte man hierfür stapelweise Tageszeitungen, aber - dank Internet - gibt es ja mittlerweile zahlreiche Plattformen, auf denen man mal schnell mehrere Stunden zubringen kann.

Euphorie und Enthusiasmus

Wenn man auf der Suche nach einer Wohnung ist, dann ist für viele klar: fragen wir mal das Internet.

Für was gibt es denn sonst, die großen Platzhirsche unter den Immobilienbörsen? ImmobilienScout24, Immowelt und viele weitere bieten eine umfangreiche, wenn nicht sogar erschlagende Fülle an Inseraten rund um Immobilien.

So war es auch an einem Abend bei mir - ImmobilienScout24 angesurft, Suchparameter abgestimmt und zahlreiche Angebote und Inserate durchforstet.

Bei dieser Durchforstung bin ich auf ein wirklich lukratives Angebot gestoßen:
106 m² Loft in der Nürnberger Altstadt für einen unschlagbaren Preis von 115.000 €.

Inserat auf ImmobilienScout24 (via Google Cache)

Nach einer ersten Euphorie und dem anfänglichen Enthusiasmus folgten ziemlich schnell die ersten skeptischen Gedanken:
Ist das echt? Ist doch garantiert ein Fake! Wie kommt ein solcher Preis zustande?

Trotz dieser Skepsis dachte ich mir: anschauen kann nicht schaden - und so habe ich eine Email an den Anbieter geschrieben und um einen Besichtigungstermin gebeten.

Als ich am nächsten Tag das Inserat nochmal betrachten wollte, musste ich feststellen, dass es bereits wieder offline gegangen war. Also dachte ich mir - Pech gehabt, die Wohnung ist schon weg.

Hallo! Ich nicht von diese Welt. Wolle kaufen Wohnung?

Überraschenderweise erhielt ich aber wenige Tage eine Email - wohl von der Eigentümerin.
Merkwürdigerweise war die Email nicht von der Person, die auch das Inserat auf ImmobilienScout24 aufgegeben hat.
Das Inserat wurde von einer Frau Wittmann aufgegeben, die Email kam aber von einer Frau Huang.

Naja, komisch aber nicht wirklich beunruhigend.

Hier die erste Email (Anschrift der Wohnung wurden geändert/ via Email von n-h@engineer-group.org):

Hallo,

Ich bin Nicole Huang und kurzem erhielt ich eine E-Mail von Interesse in meine Wohnung mit Balkon in Sonnenallee 123, 904XX Nürnberg, Altstadt, tolles Viertel, Deutschland.  (Kaufpreis: 115.000EUR; 109,00 m²; 3,00 Zimmer; Gäste-WC Keller; Einbauküche; Baujahr: 2009; Tiefgarage)

Vielen Dank für Ihr Interesse. Ich kaufte diese schöne Wohnung vor 2 Jahren wenn ich in Deutschland mit meiner Arbeit (ich bin ein Forschungsingenieur), aber meine Firma beendet seine Projekte in Deutschland und jetz ich bin in Poland mit der eine neue Projekte zu meine Firma.

Die Wohnung ist nicht bewohnt.
Ich bin der einzige Eigentümer der Wohnung.
Es wurde renoviert, sieht sehr schön und sauber.

Ich freue mich über Ihr Interesse an meinem Eigentum und ich freue mich auf eine zukünftige Zusammenarbeit und Freundschaft.
Sprechen Sie Englisch? Ich vermute, Sie sprechen kein Chinesisch, nicht? Ich bin Chinese.
Es wird einfacher für mich.
 

Mit freundlichen Grüßen, / Best regards, / 最好的問候,
Dipl.-Ing Nicole Huang

Wer diese Email durchliest, dem kommen automatisch einige Fragen in den Sinn - so war es zumindest bei mir:

  1. Warum wird diese Email mit einem einfachen "Hallo" eröffnet, obwohl man doch seinen genauen Namen in der Anfrage-Email genannt hat? Sind Chinesen von Natur aus unhöfflich?

  2. Eine Chinesin die zuerst in Deutschland und jetzt in Polen arbeitet? Klingt ungewöhnlich und eigentlich kenne ich das eher umgekehrt - also Deutsche oder Polen, die jetzt in China arbeiten.
    Außerdem: Eine Firma, die alle ihre Projekte in Deutschland beendet? Deutschland - dem aktuell lukrativsten und stärksten Markt in Europa?

  3. Warum wird auf meine eigentliche Anfrage überhaupt nicht eingegangen?
    Ich wollte doch eigentlich nur einen Besichtigungstermin und nicht gleich Freundschaft mit einer mir, völlig unbekannten Person schließen.

  4. Frau Huang kann nicht alleine ein Inserat bei ImmobilienScout24 aufgeben, aber so umfänglich auf eine einfache Terminanfrage antworten?

  5. Jemand käuft sich privat eine Wohnung in einem fremden Land, weil er für ein paar Jahre dort arbeitet?
    Wäre mieten nicht viel einfacher und vor allem geschäftlich viel sinnvoller? Schließlich kann man die Miete als Geschäftsausgaben absetzen, spart so am Ende noch Steuern und kann sie dem Kunden vielleicht sogar noch in Rechnung stellen.

  6. Und das wichtigste von allem: wollen Chinesen keinen Gewinn mit dem Verkauf einer Immobilie machen?
    Die Wohnung hat garantiert mehr gekostet als die Summe zu der sie jetzt verkauft werden soll.

Zusätzlich lagen der Email nochmal die gleichen Fotos, wie im Inserat bei.

Obwohl mir all diese Fragen in den Sinn kamen, entschloss ich mich der Sache auf den Grund zu gehen.
Vielleicht würde ich Frau Huang bei einer Besichtigung treffen und vielleicht würde ich dann ein paar plausible Antworten auf meine Fragen bekommen.

Also antwortete ich auf diese Email, bekundete mein Interesse und bat nochmals um einen Besichtigungstermin.

Gleichzeitig wollte ich aber auch verifizieren, dass unter der angegeben Adresse überhaupt eine Wohnung verkauft werden soll. Also fuhr ich kurzer Hand nach der Arbeit bei der angegebenen Adresse vorbei und nahm die Wohnanlage und das Gebäude in Augenschein.

Äußerlich machte die Anlage einen sehr gepflegten Eindruck.
Sogar eine leerstehende Wohnung in dem angegebenen Gebäude schien es zu geben - keine Möbel auf dem Balkon, alle Rollläden geschlossen und verrammelt.

Um auf Nummer sicher zu gehen und um weitere Informationen einzuholen, notierte ich mir die Adresse und die Telefonnummer der Hausverwaltung von einem öffentlichen Aushang.

Nachtigal - ich hör dir trappsen!

Am nächsten Abend, nachdem ich nochmals per Email mein Interesse bekundet hatte, erhielt ich wieder eine Antwort von Frau Huang. Da ich ihr in englisch auf die erste Email geantwortet hatte, kam diese Antwort diesmal auch in englisch.

Lest einfach selbst (via Email von n-h@engineer-group.org):

Hello again, I'm Nicole, I appreciate your response, the property is still available.

For me it's difficult to manage personally the selling process of the property (including viewings with the potential buyers, etc.) so, I decided to hire an international real estate agency to do this for me: Office-Estate Limited®. They will act on my behalf and they will manage the sale of the property through all of its steps (the real estate commissions are paid by me).

Legal information on the status of property meaning the authenticity of all documentation related to the property has been checked by the agency; There are no fiscal affectations, the property was originally bought with cash.

You need to know that the agency sets the private viewings by appointment only, so I will give you the contact details of the agent assigned by the company to handle my transaction:

Ag. Amelia Bunny
Amelia.Bunny@Office-Estate.Com

Please contact her by email: Amelia.Bunny@Office-Estate.Com
She will give you a brief of the standard procedure for scheduling a private viewing.

Thank you, for any other question, I am here to help you.

Have a nice day.
Dipl.-Ing Nicole Huang

via Email von n-h@engineer-group.org

Nur um es kurz zusammenzufassen:

Eine Chinesin, die für zwei Jahre in Deutschland gearbeit und sich deswegen eine Eigentumswohnung gekauft und auch noch bar bezahlt hat und jetzt bereits in Polen wohnt und arbeitet, angagiert eine britische Makleragentur aus London, um eine Wohnung in Nürnberg zu verkaufen?

(Das mit der bitischen Maklerargentur aus London habe ich durch einen Besuch der Webseite herausgefunden)

Und schon wieder Fragen (ich glaub' ich muss damit langsam aufhören mir ständig soviele Fragen zu stellen):

  • Geht es eigentlich nicht noch komplizierter?
  • Haben wir mittlerweile keine Makler mehr in Deutschland?
  • Wie will eine Maklerin aus London spontan eine Besichtigung organieren?
  • Chinesen tragen kleine Geldkoffer mit sich rum, um Wohnungen bar zu bezahlen? (gut zu wissen)

Trotzdem machte ich mir die Mühe und nahm die Webseite der Agentur genauer in Augenschein. Auf den ersten Blick wirkte sie sehr professionell. Die Agentur wollte in gutem Licht dastehen und sich ansprechend präsentieren.

Man stellte sogar sein Team mit Fotos vor. Auch Frau Amelia Bunny war aufgeführt.

Da Firmenwebseites gewohnheitsgemäß die Firma immer in einem besonders gutem Licht erscheinen lassen, wollte ich mich mal genauer über diese Agentur informieren. Ist das vielleicht nur eine Briefkasten-Firma? Man hört ja so einiges in den Medien.

Also kurz mal nach dem Firmennamen gegoogelt.
Es kamen aber nur die allseits üblichen Verdächtigen zum Vorschein:

  • Auskunkftsagenturen, die die Bonität von Firmen prüfen und Daten aus Handelsregistern gegen Gebühr raussuchen
  • andere Agenturen, die auch auf "Estate", "Office" etc. hören

Was es aber nicht gab, waren irgendwelche Artikel oder Referenzen aus anderen Quellen. Eine international tätige Firma, die auf der ganzen Welt Immobilien erfolgreich an den Mann (und die Frau - selbstverständlich) bringt, wird nirgendwo sonst erwähnt? Nicht einmal auf der Webseite des Bauherren?

Meine Skepsis schoss schon fast durch die Decke.

Dann nahm ich die Webseite etwas genauer unter die Lupe und machte mir sogar die Mühe die "Legal notes" genau zu studieren - und da stand es:

After agreeing to the terms and conditions, the very first section of every standard pre-printed real estate purchase contract form, provides that the buyer of real property to make a deposit of money (generally referred to as an "earnest money deposit" - not to be confused with a down payment). The required earnest money deposit will be held into a maintained trust account of Office-Estate® - Rental and Earnest Payments Administration. The role of the deposit (especially for international properties) is that it tells us that the Purchaser is serious about entering into a legal commitment to buy. In today's hot real estate markets, it is the only way to differentiate the serious buyers from the non-serious ones.
This will give the Purchaser exclusivity to the property in order to create a purchase contract. A pre-purchase agreement will be made in order to schedule a private viewing (for properties outside Greece and United Kingdom the planning for the viewing will take an extra 3 days).

Is The Earnest Money Deposit Refundable Upon Cancellation?

The pre-purchase agreement contract will allow the return of the earnest money deposit to the buyer within a specified time period, by default 2 days, should the buyer elect to cancel the transaction.

Um überhaupt für eine Besichtigung in Betracht gezogen zu werden, solle man einen gewissen Betrag auf ein Treuhandkonto überweisen. Die Agentur wolle damit die "Spreu vom Weizen" trennen und selbstverständlich wird diese Pseudo-Kaution voll auf den Kaufpreis angerechnet.

Ich weiß zwar nicht, wie das in Großbritanien ist, aber ich weiß, dass Makler in Deutschland für Besichtigungen kein Geld verlangen dürfen. Dafür erhalten sie nämlich am Ende ihre Courtage.

Nachdem ich das gelesen hatte, suchte ich nach weiteren Beweisen für dieses Kautionsgeschäft.
Mit Hilfe des Fotos der angeblichen Maklerin und der Google Bildersuche wurde ich dann auch fündig. Gleich der erste Treffer bei Google war ein Blog in dem vor ähnlich gestrickten Geschäften gewarnt wurde.
Frau Amelia Bunny tauchte nämlich auf diversen Webseiten unter immer anderem Namen auf. Auch die anderen Makler, Agenten und Mitarbeiter tauchten dort auf.

Man darf dem Internet zwar nicht alles gleuben, aber für mich war jetzt eindeutig bewiesen, dass es sich um einen Schwindel handelte.
Mit viel Einsatz und Geschick wollte man Interessenten dazu bringen, diese ominöse "Pseudo-Kaution" auf ein "Treuhand-Konto" zu überweisen. Die Interessenten hätten nach dem Zahlungseingang wahrscheinlich nie wieder etwas von der Agentur gehört und das Innere der Wohnung niemals zu Gesicht bekommen.

In dem Blog schrieben unterschiedliche User von ählichen Methoden - zwar in anderen Städten und mit anderen Verkäufern oder Anbietern, aber immer nach der gleichen Masche.

http://wohnungsbetrug.blogspot.de/2013/09/scammers-fakesite-realty-residentials.html

Fazit

Das Fazit des Ganzen ist für mich relativ simple:

Mach dich schlau, recherchiere im Internet über die Hintergründe und bleibe bei deinen Fragen. Ein Portion gesunde Skepsis bei solchen Angeboten und Geschäften ist auf jeden Fall angebracht!

Nachtrag

Ich habe sowohl die Hausverwaltung als auch ImmobilienScout über diese Geschichte und meine Recherche infomiert.

Die Hausverwaltung - weil ich mir denke, dass es möglicherweise noch andere gibt, die sich vielleicht bei der Hausverwaltung über den Verkauf informieren möchten und diese dann die Betroffenen gleich warnen kann.
Zudem ist es für den eigentlichen Eigentümer bestimmt interessant zu erfahren, was sonst noch so mit seiner Wohnung passiert.

ImmobilienScout24 - weil ich von dem defacto Marktführer unter den Immobilienbörsen eine gewisse Qualitätssicherung erwarte und damit man daran arbeiten und diese verbessern kann, man auch auf zusätzliche Informationen und Feedback angewiesen ist.

Entschäundend finde ich aber, dass sich bis jetzt keiner von beiden in irgendeiner Form gemeldet hat. Auch wenn Emails in Form von "Vielen Dank für Ihren Hinweis. Wir werden diesem nachgehen." niemanden mehr wirklich hinterm Ofen hervorlocken, so gebietet es doch imho der Anstand auf Anfragen zu antworten und zumindest solchen Hinweisen nachzugehen.